Wissenswelt

Auf Kurs bleiben und trotzdem neue Geschäftsmodelle entwickeln – die Beiboot-Strategie

In der Zusammenarbeit mit unseren Kunden beobachten meine Kollegen und ich häufig ein Muster, welches ich als die Beiboot-Strategie bezeichne. Diese Strategie kann für die Umsetzung unterschiedlicher Ziele in verschiedenen Situationen eingesetzt werden. In diesem und einigen folgenden Beiträge möchte ich diese Strategie und einige Einsatzzwecke teilen.

· 3 Min Lesezeit
Shutterstock.com | Aerial-motion

In diesem Beispiel startet die Situation in der Softwareentwicklungsabteilung. Die Menschen dort sind eingespielt, die Domäne ist bekannt, alle verfügen über eine große Expertise und das Backlog ist voll. Wir sind wie ein Tanker* – der Laden läuft, wir sind auf Kurs.

Neues Land entdecken

Ein Szenario aus der Praxis könnte so aussehen, dass unser Kunde perspektivisch und strategisch sein Geschäftsmodell erweitern will oder muss. Das Produkt, welches jetzt lizenzbasiert on Prem eingesetzt wird, soll in eine SaaS-Lösung in Azure überführt und migriert werden. Hier gibt es vertriebliche, organisatorische und technische Herausforderungen. Naturgemäß kümmern wir in der Softwareentwicklungsabteilung uns speziell um die technischen.

Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Es geht darum, neues Land zu entdecken. Aber der Kurs des Tankers kann nicht einfach so geändert werden. Das Schiff hat ja noch einen Auftrag und muss somit den ursprünglichen Kurs beibehalten. Denn es ist wichtig, dass der Tanker in Time ankommt. Andere sind davon abhängig.

Die Lösung besteht darin, ein Beiboot ins Wasser zu lassen – mit einer neugierigen und erfahrenen Mannschaft, die schnell zu neuen Ufern aufbrechen kann.

Wenn das neue Land erkundet ist, kann das Schiff später darauf Kurs setzen. Konkret geht es also darum, eine Task Force zu bilden, welche einen MVP erstellt, Migrationspläne fertigt und das Backlog füllt. Mit dem MVP kann sie den Vertrieb unterstützen und evtl. schon bestehende Early-Adopter-Kunden überzeugen, mit auf die Reise zu gehen.

Mit dem Beiboot zu neuen Geschäftsmodellen

Unserer Erfahrung nach ist es am besten, diese Task Force mit einem gemischten Team zu besetzen. Aus erfahrenen Entwickler:innen des Tankers (ja, das reduziert die Geschwindigkeit des Tankers, aber das ist Thema eines anderen Beitrags), visionären Produkt-Manager:innen und Software-Dienstleister:innen. Naturgemäß ist hier natürlich eine taskforceorientierte Firma mit Erfahrung und Lotsen sinnvoll. Ich kenne da übrigens ein, zwei Firmen :-)

Dass die bisherigen Entwickler:innen des Produktes mit an Bord sind, ist essenziel. Wir beobachten bei solchen Themen immer wieder eine Art Abgrenzung zwischen intern und extern und wer „die tollen Projekte“ machen darf. Oder auch die Sorge, abgehängt zu werden. Hier ist Transparenz und Fingerspitzengefühl bei der Besetzung des Teams wichtig, damit so ein Konkurrenz-Thema gar nicht erst auftritt.

Die Beiboot-Strategie hat ebenfalls einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund. Um beim Beispiel des Tankers zu bleiben, werden mit diesem weiterhin der Umsatz und Gewinn des Unternehmens erwirtschaftet. Er kann so die Entwicklung des neuen Geschäftsmodells mitfinanzieren. Der Tanker fährt so lange auf seinem Kurs weiter, bis sich das neue Geschäftsmodell am Markt etablieren kann. Dann ändert der Tanker den Kurs, das alte Geschäftsmodell wird aufgegeben oder von einem anderen kleineren Schiff betrieben.

*Wir wollen keine (Öl)Tanker mehr über die Meere schippern sehen. Wir könnten stattdessen über Containerschiffe oder Frachter reden. Wir verwenden aber das bekannte Bild, um die Größe und Trägheit zu veranschaulichen.